Bürokratie trifft Innovation

Einen Antrag auf Erteilung eines Antragformulars, zur Bestätigung der Nichtigkeit des Durchschriftexemplars, dessen Gültigkeitsvermerk von der Bezugsbehörde stammt, zum Behuf der Vorlage beim zuständ'gen Erteilungsamt. (Reinhard Mey, 1977)

An dem sprichwörtlichen „Antrag zur Erteilung eines Antragformulars“ scheitert Reinhard Mey im Jahr 1977. Fast 2000 Jahre früher verzweifelte Asterix an einer ähnlichen Aufgabe, der Beschaffung des legendären „Passierschein A 38“ in dem „Haus, das Verrückte macht“. Beides natürlich reine Fiktion, mit keinem Bezug zur Realität des 21sten Jahrhunderts.

 

Nun, es gibt Anzeichen, dass sich der zugrundeliegende Geist zumindest teilweise in unsere Zeiten retten konnte. Im Oktober 2016 berichtete die Wirtschaftspresse über einen Kulturwandel bei Daimler. Neben krawattenlosem Management und dem Einsatz von Schwarmorganisationen wurde vor allem die Vereinfachung von Dienstreisen als Errungenschaft gefeiert. Statt der Genehmigung durch mehrere Hierarchiestufen (laut Interview von Daimler-Chef Zetsche bis zu sechs) sind zukünftig nur noch zwei Personen beteiligt, der Reisende und sein Vorgesetzter.

 

Ich möchte den Kulturwandel bei Daimler nicht klein reden, immerhin packt man das Problem an. Mir fehlt in solchen Fällen aber regelmäßig die Reflexion, die Überlegung wie es eigentlich dazu kommen konnte? Aus welchem Grund hat sich ein Unternehmen für einen banalen Geschäftsvorfall völlig absurde Prozesse aufgebürdet?

 

Kosten? Wohl kaum, eher muss man befürchten, dass der Genehmigungsprozess teurer war als die Reise selber. Kontrolle? Eine illusorische Idee, denn ab der zweiten Ebene des Genehmigungsprozesses fehlen den Entscheidern die Detailinformationen für eine sinnvolle Bewertung.

 

Vergleichbares findet man natürlich auch in den R&D Bereichen der Pharmaindustrie. Formblätter für „Innovation Controlling“, Berechnungen zum RoI von Investitionen, ausufernde Business Cases und vergleichbare Prozesse „unterstützen“ Kreativität und Innovation.

 

„Bürokratie“ ist ein häufig verwendetes Schlagwort für diese Exzesse. Das ist allerdings nicht ganz richtig, denn der Begriff Bürokratie beschreibt in seiner ursprünglichen Definition eine Organisationsform, die Präzision, Zuverlässigkeit und vor allem Effizienz sicherstellt. Der Fokus liegt auf den übergeordneten Zielen der Organisation. 

 

„Bürokratismus“ trifft es schon eher – hier liegt der Fokus auf dem Prozess, ohne Bezug zu den eigentlichen Zielen, denen der Prozess dienen sollte. Damit kommt man der Vermeidung solcher Exzesse auch schon recht nahe. Zwei simple Fragen, immer wieder konsequent gestellt, sind ausreichend: „Was ist das Ergebnis dieses Prozesses?“ und „Bringt uns dieses Ergebnis näher zu unseren Zielen?“.